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Tagungsbeschreibung

Marginalisierung von Kindern und Jugendlichen wird in der Kindheits- und Jugendforschung häufig als Prozess verstanden, durch den Kinder und Jugendliche an den Rand der Gesellschaft gedrängt und in ihren Teilhabe- und Bildungsmöglichkeiten sowie ihren Chancen auf Mitbestimmung und Anerkennung begrenzt und benachteiligt werden (vgl. Schmincke 2009). Marginalisierende Adressierungen erfolgen hierbei meist vor dem Hintergrund eines Bruchs mit normativen Vorstellungen einer ‘guten’ Kindheit und Jugend, die mitunter von eurozentrischen und bürgerlichen Idealen geprägt sind und auf gesellschaftliche Macht- und Ungleichheitsverhältnisse verweisen (vgl. Bühler-Niederberger 2018; Liebel 2018). Diese Prozesse vollziehen sich nicht zuletzt innerhalb einer generationalen Ordnung, in der Kinder und Jugendliche als ‘noch nicht erwachsen’ und damit als ‘anders’ positioniert werden. Insbesondere mit steigendem Alter kann eine Zuschreibung von Vulnerabilität/Gefährdung in eine Zuschreibung von Gefährlichkeit umschlagen und Kinder und Jugendliche zu einem gesellschaftlichen Risiko und Problem erklärt werden (vgl. Rieker 2025).
In der interdisziplinären Forschung werden weitere Ungleichheits- und Risikofaktoren für Marginalisierung diskutiert, etwa Armut (z. B. Andresen 2015), Wohnungslosigkeit (z. B. Wimmer 2024), Flucht und Migration (z. B. Mörgen/Rieker 2024; Müller 2015), Rassismus (z. B. Mecheril 2001), Geschlecht und Sexualität (z. B. Schirmer 2017), sowie Körper und Behinderung (z. B. Burghard 2022; Tervooren 2022). Bedeutsame Untersuchungsfelder, die als Orte der Herstellung, Bearbeitung und Aneignung von Marginalisierung gelten, sind etwa sozialpädagogische Handlungsfelder, Bildungsinstitutionen, Familie, Peergroups, Sozialraum, politische Prozesse oder auch mediale und politische Diskurse. 
In sozialpädagogischen Handlungsfeldern und Bildungsinstitutionen wird Marginalisierung von Kindern und Jugendlichen häufig als zu adressierendes und bearbeitendes Problem verstanden. Dabei sind auch Kinder und Jugendliche selbst sowie ihre Familien und Peers zentrale Akteur*innen in Prozessen der Herstellung, Bearbeitung und Aneignung von Marginalisierung. Aktuelle Strömungen der Kindheits- und Jugendforschung verfolgen zunehmend sozialkonstruktivistische und machtsensible Perspektiven, die Marginalisierung als dynamische, relationale Prozesse in Macht- und Ungleichheitsverhältnissen begreifen. Damit geht häufig ein Unbehagen einher, im Zuge der Wissensproduktion selbst an Marginalisierung beteiligt zu sein (vgl. Egli/Leimbach 2025). Entsprechend zeigt sich in der Kindheits- und Jugendforschung eine intensive Auseinandersetzung mit theoretischen, methodologischen und empirischen Zugängen.
Mit der Tagung soll Raum für eine vertiefte Auseinandersetzung mit den komplexen und spannungsvollen Herstellungs-, Bearbeitungs- und Aneignungsprozessen sowie dem Unbehagen der Beforschung von Marginalisierung von Kindern und Jugendlichen eröffnet werden. Entlang von konkreten Studien sollen empirische Erkenntnisse und Forschungszugänge diskutiert werden. Dies kann etwa anhand folgender Fragen erfolgen: 

  • Wie erleben Kinder und Jugendliche, Eltern und Professionelle Marginalisierung? 
  • Welche Bearbeitungs- und Aneignungspraktiken lassen sich bei von Marginalisierung betroffenen Kindern und Jugendlichen, aber auch von Eltern und Professionellen in verschiedenen sozialen Kontexten wie Peergroups, Familie, sozialpädagogischen Handlungsfeldern, Bildungsinstitutionen oder auch in unterschiedlichen Lebensabschnitten und Übergängen beobachten?  
  • Wie werden Diskurse um Vulnerabilität/Gefährdung und Gefahr im Zuge von Marginalisierungsprozessen von unterschiedlichen Akteur*innen aufgegriffen und bearbeitet? 
  • Wie wird Marginalisierung durch forschungsmethodische Zugänge und Entscheidungen (mit-)hervorgebracht? Und wie kann im jeweiligen Forschungsprozess damit umgegangen werden?

Die Tagung findet vom 15. bis 16. Oktober 2026 an der Universität Zürich statt. Weitere Infos folgen zu einem späteren Zeitpunkt!

Organisation: Johanna Egli, Fränzi Buser, Andrea Rumpel und Daria Spilimbergo

Literatur

  • Andresen, S. (2015). Das vulnerable Kind in Armut. Dimensionen von Vulnerabilität. In S. Andresen, C. Koch, & J. König (Hrsg.), Vulnerable Kinder: Interdisziplinäre Annäherungen (S. 137–153). Springer Fach-medien.
  • Bühler-Niederberger, D. (2018). Ungleichheit und Marginalisierung im Kindes- und Jugendalter. In A. Lange, H. Reiter, S. Schutter, & C. Steiner (Hrsg.), Handbuch Kindheits- und Jugendsoziologie (S. 331–347). Springer Fachmedien. https://doi.org/10.1007/978-3-658-04207-3_24 
  • Burghard, A. B. (2022). Die ,bedrohte‘ soziale Ordnung. Körper und soziale Ausschließung. In R. Bak & C. Machold (Hrsg.), Kindheit und Kindheitsforschung intersektional denken (S. 121–136). Springer Fachmedien. https://doi.org/10.1007/978-3-658-36760-2_8 
  • Egli, J., & Leimbach, K. (2025). Editorial: Jugend, Migration, Religion: Wie kann dazu (noch) geforscht wer-den? Gesellschaft – Individuum – Sozialisation. Zeitschrift für Sozialisationsforschung, 6(2). https://doi.org/10.26043/GISo.2025.2.0 
  • Liebel, M. (2018). Andere Kinder, andere Jugendliche. In A. Lange, H. Reiter, S. Schutter, & C. Steiner (Hrsg.), Handbuch Kindheits- und Jugendsoziologie (S. 295–314). Springer Fachmedien. https://doi.org/10.1007/978-3-658-04207-3_22 
  • Mecheril, P. (2001). Pädagogiken natio-kultureller Mehrfachzugehörigkeit. Vom «Kulturkonflikt» zur «Hybridi-tät». Diskurs, 10(2), 41–48. https://doi.org/10.25656/01:10795 
  • Mörgen, R., & Rieker, P. (2024). Marginalisierung und Exklusion junger Geflüchteter. In C. Röhner, J. Schwittek, & A. Potsi (Hrsg.), Transmigration und Place-making junger Geflüchteter. (S. 145–162). Barbara Budrich.
  • Müller, M. (2015). „Mein grösster Wunsch ist es, eine Lehrstelle zu finden“. Jugendliche mit Migrationshinter-grund beim Übergang ins duale Berufsbildungssystem. In T. Geisen & M. Ottersbach (Hrsg.), Arbeit, Migration und Soziale Arbeit: Prozesse der Marginalisierung in modernen Arbeitsgesellschaften (S. 263–285). Springer Fachmedien. https://doi.org/10.1007/978-3-658-07306-0_12 
  • Rieker, P. (2025). Jugend. In M. Althoff, M. Bereswill & A. Neuber (Hrsg.), Handbuch Soziale Probleme (S 1–16). Springer Fachmedien.
  • Schirmer, U. (2017). Zwischen Ausblendung und Sozialpädagogisierung? Dilemmata bei der Konstruktion von LSBT*-Jugendlichen als Zielgruppe Sozialer Arbeit. Diskurs Kindheits- und Jugendforschung, 12(2), 177–189. https://doi.org/10.3224/diskurs.v12i2.04 
  • Schmincke, I. (2015). Gefährliche Körper an gefährlichen Orten: Eine Studie zum Verhältnis von Körper, Raum und Marginalisierung. transcript Verlag. https://doi.org/10.1515/9783839411155 
  • Tervooren, A. (2022). Die soziale Kategorie ‚Behinderung‘ als Desiderat einer intersektionalen Kindheitsfor-schung. In R. Bak & C. Machold (Hrsg.), Kindheit und Kindheitsforschung intersektional denken: The-oretische, empirische und praktische Zugänge im Kontext von Bildung und Erziehung (S. 137–152). Springer Fachmedien. https://doi.org/10.1007/978-3-658-36760-2_9 
  • Wimmer, C. (2024). Eine neue marginalisierte Generation? Der Alltag jugendlicher Marginalisierter zwischen Schule, Freizeit und Wohnungslosigkeit. In T. Middendorf & A. Parchow (Hrsg.), Junge Menschen in prekären Lebenslagen: Theorien und Praxisfelder der Sozialen Arbeit (S. 65–75). Beltz Juventa.