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Institut für Erziehungswissenschaft

Dissertationsprojekt: Imaginieren im Zeitalter bipolarer Ordnung

Vergangene Zukunftsvorstellungen der Berufsbildung in Zeiten des Kalten Krieges (1945-1990)

Die Berufsbildung steht im Zentrum, wenn gesellschaftliche und politische Zukunftsvorstellungen verhandelt werden. In der Schweiz liegt dies nicht nur daran, dass die grosse Mehrheit der Jugendlichen nach der Sekundarstufe I in die Berufsbildung eintritt. Die Berufsbildung ist Teil des sozialen Imaginären (Taylor), also zu normativen Vorstellungen und Bilder geronnenen Zukunftsvorstellungen. Sie zielt auf den Erwerb von Wissen, Fertigkeiten, Werten und Ethik ab, die für die Arbeitswelt geeignet sind, um die Möglichkeiten für produktive Arbeit, persönliche Befähigung und sozioökonomische Entwicklung zu verbessern.

Mein Dissertationsprojekt greift das Konzept der Zukunftsvorstellungen als analytische Kategorie auf. Denn wenngleich Zukünfte per definitionem imaginiert und damit fiktive Erwartungen sind, erhalten sie in ihrer jeweiligen Gegenwart eine wahrnehmungs- und handlungsleitende Funktion. Dies wird insbesondere in der Zeit des Kalten Krieges, der auch als «imaginary war» (Kaldor) bezeichnet wird, deutlich. Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt der Diskurs über die Zukunft durch die Überzeugung von ihrer Machbarkeit eine neue Qualität. Gleichzeitig war die Zukunft 1945 eine grundsätzlich ausgehöhlte Kategorie, die es durch Imaginationen mit neuen Bedeutungsformen zu füllen galt.

Die Zukunftsvorstellungen werden anhand dreier Fälle beleuchtet, die im Umfeld (1) der Berufsbildungslehrpersonen, (2) der Berufsbildungs-Politikberatung (mit Fokus auf die Einflüsse der Futurologie der Zeit) oder (3) der Lehrlinge selbst (mit Fokus auf die Lehrlingsbewegung der 68er Jahre) zum Ausdruck gebracht wurden. Dadurch soll die Frage beantwortet werden, wie die Zukunft imaginiert, kommuniziert und verhandelt wurde.

Die Zukunftsvorstellungen werden quellenkritisch erschlossen, kontextuell rekonstruiert und im internationalen Kontext verortet. Konkret knüpft das Projekt an aktuelle Arbeiten an der Schnittstelle zwischen der historischen Zukunftsforschung und der historischen Bildungsforschung an, wobei der erste Forschungsstrang in den zweiten integriert wird. Das kulturhistorisch angelegte Projekt ist nicht zuletzt mentalitätsgeschichtlich von Interesse, indem es die Bildung und Gesellschaft betreffenden vergangenen Bewusstseinsstrukturen zu zeigen sowie das Nachvollziehen kollektiver Integrationsprozesse zu ermöglichen sucht. Dies erscheint insbesondere deshalb lohnend, da sich Zukunftsvorstellungen wesentlich vom tatsächlichen Fortgang der Geschichte unterscheiden können.